Im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig gibt es derzeit eine ganz besondere Ausstellung, die die Besucher auf eine emotionale Zeitreise mitnimmt. Die Sonderausstellung „Momentaufnahme. Das Fotoarchiv Mittelmann“ eröffnet heute, am 3. Juni 2026, und zeigt die beeindruckenden Porträts aus dem Archiv des jüdischen Fotografen Abraham Mittelmann. Diese Fotografien, die über fünf Jahrzehnte auf einem Dachboden in Leipzig lagerten, erzählen nicht nur von Gesichtern, sondern vor allem von Schicksalen, von einem Leben, das von der Geschichte geprägt wurde.
Abraham Mittelmann, der 1900 nach Leipzig kam und sein Fotostudio im Peterssteinweg 15 gründete, floh 1939 vor den Nazis. Er hinterließ ein wertvolles Erbe: Über 2.000 Glasplatten, die er über die Jahre hinweg gesammelt hatte, zeigen Menschen in ihren verschiedensten Lebenssituationen. Darunter finden sich Künstler, Arbeiter und Mitglieder seiner eigenen Familie. Die meisten der erhaltenen Aufnahmen stammen aus der Zeit ab 1909 und sind auf lichtempfindlichen Glasplatten festgehalten – eine Technik, die heute fast vergessen ist. Der dokumentarische Wert dieser Bilder wurde erst in den 1980er-Jahren erkannt, als die Entdeckung seiner Glasnegative auf dem Dachboden für Aufsehen sorgte.
Erinnerungen und Geschichtenerzähler
In der Ausstellung wird die Lebensrealität der jüdischen Gemeinde in Leipzig ins Rampenlicht gerückt. In den 1920er-Jahren zählte die jüdische Gemeinde hier zwischen 13.000 und 15.000 Menschen, viele von ihnen sind jedoch nicht aus dem Holocaust zurückgekehrt. Mittelmanns Frau und Tochter wurden in Auschwitz ermordet, und auch er selbst wurde denunziert und in Belgien ermordet. Was bleibt, sind die Gesichter auf den Fotos – und die Geschichten, die sie erzählen. Circa 700 Namen konnten rekonstruiert werden, und interessanteweise haben sich Nachkommen aus Israel, den USA und Argentinien gemeldet, um mehr über ihre Vorfahren zu erfahren. Das ist doch ein schöner Aspekt der Ausstellung: Die Hoffnung auf Identifikation und Wiederentdeckung von Wurzeln.
Besonders bemerkenswert ist die Zusammenarbeit mit Nadia Vergne, der Enkelin von Abraham Mittelmann, die die Bilder zur Verfügung stellt. Ihr Engagement zeigt, wie wichtig es ist, die Vergangenheit lebendig zu halten. Sie hofft, dass die Ausstellung nicht nur die Geschichte ihrer Familie, sondern auch die der jüdischen Gemeinde in Leipzig erzählt und damit eine wichtige Brücke zur Gegenwart schlägt.
Mehr als nur eine Ausstellung
Die Ausstellung ist als Wanderausstellung konzipiert und wird in Form großer Koffermodule präsentiert. Geplant ist auch eine größere Schau im November 2026, die nicht nur Stadtansichten, sondern auch die politische Zeitgeschichte thematisieren wird. Die Sonderausstellung läuft bis zum 4. April 2027 und ist ein Teil des „Jahres der jüdischen Kultur in Sachsen 2026“ – eine Initiative, die dem Ziel dient, das Erbe und die Kultur der jüdischen Gemeinschaft in Sachsen sichtbar zu machen und zu würdigen.
Für alle Interessierten: Die Öffnungszeiten sind von Dienstag bis Sonntag, an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet für Erwachsene 8 Euro, ermäßigt 4 Euro, und für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre ist der Eintritt frei. Ein Besuch lohnt sich – nicht nur wegen der bewegenden Geschichten, die die Fotos erzählen, sondern auch, um Teil eines wichtigen kulturellen Dialogs zu sein.



