Leipzigs Gewandhaus feiert Premiere mit konzertanter Aufführung von Kurt Weills Mahagonny
Leipzig, die Stadt der Musik und Kultur, hat wieder einmal einen besonderen Moment erlebt. Am 22. und 23. Oktober 2026 fand im ehrwürdigen Gewandhaus eine konzertante Aufführung von Kurt Weills Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny statt. Es war ein wahrhaft historisches Ereignis, denn in der fast 345-jährigen Geschichte des Gewandhausorchesters war dies das erste Mal, dass eine solche konzertante Oper in den Rahmen eines regulären Abonnementkonzerts gepackt wurde. Wer hätte gedacht, dass diese Stadt, bekannt für ihre reiche musikalische Tradition, sich so mutig mit einem so innovativen Werk auseinandersetzen würde?
Die dreistündige Aufführung, dirigiert von HK Gruber, bot eine intensive Auseinandersetzung mit Weills Musik und dem außergewöhnlichen Aufbau des Werkes. Gruber, der bereits mit Weills Der Lindberghflug und The Ballad of Magna Carta gearbeitet hat, führte das Gewandhausorchester mit straffen und kontrollierten Tempi. Die Klarheit und Härte der Musik, die sich von zarten, kammermusikalischen Passagen bis zu lautstarken, drastischen Abschnitten spannte, war beeindruckend. Doch wie bei jeder konzertanten Form gab es auch Herausforderungen: Die szenischen Vorgänge und die Beziehungen der Figuren waren für die Zuschauer manchmal schwerer nachzuvollziehen.
Ein Werk von historischer Bedeutung
Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, ein Werk, das Bertolt Brecht und Kurt Weill 1930 uraufführten, erzählt die Geschichte einer fiktiven Stadt im Nordamerika der Gegenwart. Diese „Netzestadt“ zieht Männer mit Geld an, um sie in Bars und Bordellen auszunehmen. Die Handlung besteht aus 22 kurzen Szenen, die im Gewandhaus von HK Gruber nicht nur musikalisch, sondern auch sprachlich hervorragend vermittelt wurden. Ein QR-Code im Programmheft ermöglichte den Zugang zum Libretto, obwohl Mobiltelefone während der Vorstellung ausgeschaltet sein sollten – eine kleine Ironie, die die Zuschauer zum Schmunzeln brachte.
Das Publikum reagierte durchweg positiv, auch wenn viele mit dem komplexen Gesamtwerk weniger vertraut waren als mit einzelnen Nummern wie dem „Alabama Song“ oder „Und wie man sich bettet, so liegt man“. Diese Lieder sind nicht nur Ohrwürmer, sie sind auch tiefgründig und spiegeln die Themen Geld, Macht und moralischen Verfall wider. Jims anfänglicher Leitsatz, „Wenn du etwas haben kannst für Geld, dann nimm das Geld“, wird im Verlauf der Handlung bitterlich hinterfragt, als er erkennt, dass sein Untergang mit seiner Ankunft in Mahagonny begann.
Die Darsteller und ihre Leistungen
Besonders hervorzuheben sind die Solisten der Aufführung. Lauren Michelle als Jenny, eine Lotte-Lenya-Preisträgerin, begeisterte mit ihrer wandlungsfähigen Sopranstimme. Rolf Romei, der wenige Stunden vor der ersten Vorstellung für den erkrankten Mirko Roschkowski einsprang, fügte sich mühelos ins Ensemble ein. Wallis Guinta, Michael Laurenz und Florian Boesch komplettierten das Verbrechertrio, während der MDR-Rundfunkchor, einstudiert von Benjamin Lack, klanglich und textlich brillierte und die Funktion eines kollektiven Operndarstellers übernahm.
Die Raumaufstellung war eine weitere Herausforderung für die Mitwirkenden: Das Orchester saß zwischen den Sängern an der Podiumskante und dem erhöht stehenden Männerchor. Diese Anordnung ermöglichte eine intensive Klangfülle, die besonders im finalen Ensemble „Können uns und euch und niemand helfen!“ zur Geltung kam. Der gesamte Abend war ein Beispiel für die Kraft von Weills Musik, die sich durch ironische und polyphone Strukturen auszeichnete und die drängenden Themen der Gesellschaft aufgreift.
Ein zeitloses Werk mit aktualisiertem Bezug
Die Aktualität des Stücks wurde durch die Aufführung im Rahmen des Programms „Tacheles – Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026“ unterstrichen. Unterstützt wurde die Veranstaltung unter anderem von der Kurt Weill Foundation for Music in New York und der Universal Edition Wien. Die Zuschauer wurden nicht nur unterhalten, sondern auch zum Nachdenken angeregt über die Themen Geld, Freiheit und die moralischen Dilemmata, die auf der Bühne lebendig wurden. Die Oper endet in einem Chaos, das nicht durch einen äußeren Hurrikan, sondern durch die moralische Degeneration der Stadt Mahagonny verursacht wird – ein eindringliches Bild, das auch heute noch relevant ist.
Die für die Aufführung angekündigte CD-Aufnahme verspricht, diese außergewöhnliche Darbietung für die Nachwelt festzuhalten. Musik und Theater, wie sie hier in Leipzig erlebt werden, sind zeitlose Kunstformen, die uns auch in Zukunft herausfordern und inspirieren werden.
