Leipzig ist nicht nur für seine pulsierende Kultur bekannt, sondern auch für innovative Projekte, die das gesellschaftliche Miteinander reflektieren. Ein solches Projekt, das die Kluft zwischen Ost und West thematisiert, ist die audiovisuelle Performance „Nach der Bahn die Wende“, die im Freibad des Schreberbads stattfindet. Das Studio Urbanistan hat sich dabei ein spannendes Konzept ausgedacht, das nicht nur zum Nachdenken anregt, sondern auch ein Gemeinschaftserlebnis schaffen möchte. Regisseurin Clara Minckwitz hebt hervor, dass Freibäder Orte der Begegnung sind, an denen Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten zusammenkommen – ein echter Schmelztiegel der Gesellschaft!
Im großen Becken des Freibades bleibt das Wasser vorerst unberührt, während die Besucher Kopfhörer tragen und in die Welt von Interviews eintauchen, die in Freibädern in Erfurt, Stuttgart, Bremen und Leipzig geführt wurden. Diese akustischen Einblicke lassen die Zuhörer die Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Freibad-Erlebnissen der verschiedenen Städte spüren. Ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch die Performance zieht, ist die Frage, was es bedeutet, in einer Gesellschaft zu lernen und wie persönliche Herkunft das Schwimmen und somit auch die gesellschaftliche Teilhabe beeinflusst.
Ein Ort ohne Spielregeln
Christine Koschmieder, eine der Performerinnen, beschreibt das Freibad als einen Ort ohne Spielregeln. Diese Metapher für die Gesellschaft lädt ein, über Normen und Strukturen nachzudenken, die unser Zusammenleben prägen. „Es gibt keine festen Regeln, man muss sich einfach ins Wasser stürzen“, sagt sie und bringt damit die Essenz des Projektes auf den Punkt. Es geht darum, die Vielfalt der Gesellschaft zu feiern und gleichzeitig die Herausforderungen zu beleuchten, die mit unterschiedlichen Hintergründen und Erfahrungen einhergehen.
Minckwitz und ihre Kollegin Julia Lehmann arbeiten seit 2014 zusammen und haben es sich zur Aufgabe gemacht, das gemeinsame Schwimmen und die damit verbundenen gesellschaftlichen Implikationen zu thematisieren. Sie möchten herausfinden, was das Schwimmen für den Einzelnen bedeutet und wie es unsere Wahrnehmung von Gemeinschaft prägt. Die Performance verspricht nicht nur spannende Einblicke, sondern regt auch dazu an, die eigene Perspektive auf die Gesellschaft zu hinterfragen.
Kulturelle Teilhabe als Menschenrecht
Doch die Performance ist mehr als nur ein künstlerisches Experiment. Sie steht im Kontext der aktuellen Debatten über kulturelle Teilhabe, die als UN-Menschenrecht betrachtet wird. Kulturelle Teilhabe umfasst alltägliche Aktivitäten und ist für viele Menschen ein Schlüssel zu sozialer Integration und Identität. In Deutschland wird Kultur oft auf hochkulturelle Angebote beschränkt, die vor allem von gebildeten und wohlhabenden Gruppen genutzt werden. Das ist schade, denn Kultur sollte für alle zugänglich sein!
Drei Formen der kulturellen Teilhabe werden unterschieden: die passive Teilnahme als Publikum, die aktive Teilnahme als Amateur oder Hobbykünstler sowie die partizipative Mitbestimmung über kulturelle Angebote. In Leipzig könnte die Performance im Freibad ein Beispiel dafür sein, wie kulturelle Teilhabe geschaffen werden kann, die nicht nur das Bewusstsein für gesellschaftliche Themen schärft, sondern auch Teilhabe fördert. So wird Kultur nicht nur zum Erlebnis, sondern auch zur Plattform für politische Mitbestimmung und soziale Gerechtigkeit.
Die Diskussion um kulturelle Teilhabe wird auch von der Digitalisierung beeinflusst, die neue Zugänge schafft, aber auch Herausforderungen mit sich bringt. Die Frage bleibt: Wie können wir sicherstellen, dass kulturelle Angebote für alle zugänglich sind und eine echte Mitbestimmung ermöglichen? Die Performance „Nach der Bahn die Wende“ könnte der erste Schritt in eine Richtung sein, die mehr Menschen einlädt, Teil dieser wichtigen Diskussion zu werden.


