Pudelmützendorf: Ein Treffen der Bessarabien-Deutschen in Möckern und die Geschichten ihrer Wurzeln
In der beschaulichen Stadt Möckern, im Landkreis Jerichower Land, hat sich kürzlich ein kleines, aber feines Treffen gebürtiger Bessarabien-Deutscher in Ladeburg ereignet. Es war ein Treffen, das Erinnerungen weckte und Geschichten zum Leben erweckte. Bei dieser Veranstaltung wurde eine ganz besondere „Pudelmütze“ präsentiert – ein Symbol, das mehr über die Geschichte und die Kultur der Bessarabien-Deutschen erzählt, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Im Mittelpunkt standen Fragen, die tief in die Vergangenheit der Siedlung Grätzer Hof eintauchen: Warum wird dieser Ort liebevoll „Pudelmützendorf“ genannt? Was genau sind „Strudeln“? Und wie kommen eigentlich Leipzig und Paris in Verbindung mit dem Schwarzen Meer? Die meisten Einwohner Möckerns könnten diese Fragen mit Leichtigkeit beantworten.
Grätz, auch bekannt als Grätzer Hof, ist ein Teil dieser faszinierenden Stadt und liegt malerisch zwischen der Ehle und dem Siebstückengraben. Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes datiert auf das Jahr 992, als er unter dem Namen „Curozuzi“ in einem Dokument auftauchte, das von Otto III. verfasst wurde. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich Grätz gewandelt. Bis 1945 existierte der Grätzer Hof lediglich aus einem einzigen Gebäude mit Scheune und ein paar Nebengebäuden. Dieser bescheidene Anfang markierte den Grundstein für das, was später entstehen sollte.
Der Wandel der Zeiten
Die eigentliche Entwicklung der Siedlung begann jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg, genauer gesagt ab 1947. Inmitten der chaotischen Flucht- und Wanderungsbewegungen, die Deutschland im Jahr 1945 prägten, fanden viele Bessarabien-Deutsche und wolhyniendeutsche Familien in Grätzer Hof ein neues Zuhause. Im Rahmen der Bodenreform wurden Häuser für diese Neu- und Umsiedler errichtet, die mit landwirtschaftlichen Flächen ausgestattet wurden. Diese Familien brachten ihre Traditionen, ihre Geschichten und natürlich auch ihre Küche mit – da denkt man sofort an die köstlichen Strudeln, die in der Region sehr beliebt sind.
Am 1. Mai 1953 wurde die Siedlung feierlich eingeweiht und erhielt den neuen Namen „Karl-Marx-Siedlung“. Ein Kastanienbaum, den ein früherer Siedler gepflanzt hatte, wurde zum Herzstück der Siedlung und zu einem beliebten Treffpunkt für die Bewohner. Unter seinen ausladenden Ästen finden regelmäßig Feste statt – Kinder- und Sommerfeste, die den Gemeinschaftssinn stärken und die Erinnerungen an die Ursprünge lebendig halten.
Ein Stück Geschichte bewahren
Doch Grätz hat nicht nur seine eigene Geschichte. Es erinnert auch an die vielen Flüchtlingsfamilien, die nach dem Krieg nach Deutschland strömten, darunter auch die Bessarabien- und Dobrudschadeutschen, deren frühere Heimat seit 1940 nicht mehr zugänglich war. Diese Menschen erlebten oft große Entbehrungen, mussten neue Wurzeln schlagen und sich in einer fremden Umgebung zurechtfinden. Das „Hilfswerk Rüb“ wurde in Stuttgart gegründet, um diesen Menschen zu helfen, und bot eine Anlaufstelle für viele, die auf der Suche nach Unterstützung waren.
In Grätz, wo einst eine Ziegelei stand, die bis 1921 in Betrieb war, und wo die alte Turmholländerwindmühle, bekannt als Karnbachs Mühle, bis etwa 1980 Getreide mahlte, wird die Vergangenheit lebendig. Heute ist die Mühle nicht mehr in Betrieb, und das Grundstück wurde in ein Wohnhaus umgebaut. Die Mühle ist jedoch ein Teil der Geschichte, die sich in den Wänden und der Umgebung widerspiegelt.
Am 10. Juni 2023 wurde im Rahmen der Feierlichkeiten zum Jubiläum „1075 Jahre Möckern“ auf dem Dorfplatz unter dem Kastanienbaum ein Findling mit einer Gedenktafel enthüllt. Diese Tafel erinnert an die Entstehung der Siedlung zwischen 1947 und 1952 und würdigt die Flüchtlingsfamilien, die aus verschiedenen Regionen kamen und Grätz zu dem gemacht haben, was es heute ist. Ein Ort, der nicht nur geografisch, sondern auch emotional eine Heimat für viele geworden ist.
So bleibt die Geschichte Möckerns, und insbesondere des Grätzer Hofes, ein lebendiges Erbe, das durch die Erzählungen seiner Bewohner weitergegeben wird. Hier wird nicht nur Geschichte bewahrt, sondern auch das Gemeinschaftsgefühl gefördert, das in Zeiten des Wandels und der Unsicherheit so wichtig ist.
